Die Situation verwaister Eltern
Jedes Jahr sterben in der Bundesrepublik ca. 16.000 Kinder im Alter zwischen der zweiten Schwangerschaftshälfte und dem 25. Lebensjahr. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich: z.B. Schwangerschaftsabbruch, Tot- oder Fehlgeburt, plötzlicher Kindstod, Krankheit, Unfall, Suizid, Drogentod, Mord. Mütter, Väter aber auch die zurückbleibende Geschwister stürzen in eine tiefe ,Ich-Katastrophe'. Der Verlust eines Kindes stört das systemische Gleichgewicht der zurückgelassenen Familien erheblich. Die meisten Familien geraten in eine tiefe Krise.
,,Ohnmächtige Trauer und Wut, Nichtwahrhaben-wollen und Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle und Angst, Verzweiflung am Leben und Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes sind nur einige der überwältigenden Emotionen, die Eltern in ihrer Trauer bewegt." Goldmann-Posch, Ursula (1990): Wenn Mütter trauern: 15) Fragen nach dein Sinn des Leidens und Lebens brechen auf, Suizidgedanken bedrohen ihre Existenz. Aus Untersuchungen ist hervorgegangen, dass verwaiste Eltern eine besonders gefährdete Gruppe unter den Trauernden darstellt. An dieser Stelle sollen nur einige wenige Beobachtungen Erwähnung finden:
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Eltern reagieren mit der Abwehr der Trauer und Angst vor allem dann, wenn sie frühere Verluste oder Trennungen nicht bewältigt haben oder eine chronische Belastung unverarbeiteter Trauer über Generationen in der Familie anzutreffen ist. Wege der Kommunikation sind häufig auch deshalb verschlossen, weil Mütter anders trauern als Väter. Neurotische oder psychosomatische Abwehrformen hemmen oftmals den Dialog zwischen den Partnern, beziehungsweise werden durch die Verdrängung von Schmerz und Trauer ausgelöst oder verstärkt.
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Überlebende Geschwisterkinder, für die der Verlust des Bruders oder der Schwester eine in der Regel große Belastung darstellt, bleiben in ihrem Schmerz häufig unbeachtet Und doch kann gerade ihr Verhalten ein wichtiger Anhaltspunkt dafür sein, wie gut bzw. schlecht eine Familie mit der Trauer um ein Kind fertig wird. Bei über 50 Prozent dieser Kinder zeigen sich Leistungsabfälle in der Schule, Trennungsängste, Depressionen und Verhaltensstörungen; außerdem fühlen sie sich am Tod ihres Geschwisters unbewusst schuldig.
Auf dem Hintergrund der allgemeinen Verdrängung des Todes aus der Gesellschaft, dem schwindenden Einfluss der Kirchen (Träger von Ritualen. Trostgemeinschaften) sowie zerbröckelnder und unsicherer Familienstrukturen fühlen sich verwaiste Eltern oft sehr allein in ihrer Situation. Die Menschen ihrer Umgebung stehen solch tiefem Leid hilflos gegenüber und ziehen sich infolgedessen zurück. Verwaiste Eltern erfahren in der Regel weitaus weniger soziale Unterstützung als andere Trauernde, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Situation für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar ist. Zwei der Reaktionen, die den Betroffenen sehr häufig entgegengebracht werden: ,,Ihr habt doch noch die anderen Kinder." - oder: ,,Ihr könnt noch weitere Kinder bekommen." Die Familien, die sich unverstanden fühlen, ziehen sich verbittert zurück.
In diese schmerzliche und komplexe Situation hinein hat die Beratungsstelle für Trauernde des TABEA e.V., mit dem Schwerpunkt der Begleitung verwaister Eltern und Geschwister in Deutschland, 1992 ihre Arbeit aufgenommen.
